Das hilfsbedürftige Mädchen

-März 2018-

Nach meinem Date mit dem Arzt erfasst mich die Erkältung vollends. Ich gehe am Donnerstag zwar zur Arbeit, bin aber nach den acht Stunden so fertig, dass ich unser Date absage und auf die Woche danach verschiebe.

Am Donnerstag treffen wir uns dann direkt vor dem Eisstadion. Als er sein Fahrrad parkt denke ich mir noch wie knuffig er eigentlich aussieht. Wieder umarmen wir uns zur Begrüßung und laufen rein. Er hatte mir schon vorher den Tipp gegeben dicke Socken einzupacken und wie sich herausstellt ist das auch sehr sinnvoll, denn die Schlittschuhe sind sehr hart und eiskalt. Die ersten Schritte darin sind schon sehr wackelig und ich frage mich ob das wirklich eine gute Idee war. Kurz vor dem Eis bekomme ich dann doch sehr weiche Knie. Der Arzt gleitet über das Eis, macht eine perfekte Drehung und schaut mich erwartungsvoll an. Dein Ernst?

Seine Aktion verunsichert mich nun noch mehr. Von wegen ich bin auch nicht wirklich gut. Er erkennt meinen zweifelnden Blick und streckt mir die Hand hin. Ich nehme sie dankend an und bin überhaupt nicht irritiert oder so. Er zieht mich zwei Runden mit, bis ich mich endlich traue meine Beine zu bewegen. Nach zehn Runden kann ich sogar auch schon etwas schneller fahren, traue mich aber immer noch nicht seine Hand loszulassen. Irgendwann witzeln wir darüber, dass wenn ich hinfalle er schon gar nicht mehr loslassen muss, weil die Hände schon so verschwitzt sind, dass meine Hand ohnehin rausflutschen wird. Jetzt im Nachgang wird mir erst bewusst was für ein Bild das gewesen sein muss: Ein hilfsbedürftiges Mädchen muss die Hand des starken Mannes halten, weil es sonst fällt. Hahaha. Klischee erfüllt würde ich sagen. Dieses Bild mag ich ja eigentlich überhaupt nicht, aber in dem Moment kam es mir nicht so vor. Es war schön seine warme Hand zu halten und zu spüren wie er fester zugreift, wenn ich wieder ins wanken komme.

Es ist tatsächlich mega entspannt mit ihm auf dem Eis herumzugleiten und sich zu unterhalten. Dabei komme ich immer wieder ins wanken, welches ich auch immer wieder mit einem „Ja, oke.“ kommentiere, sobald ich mich oder er mich gefangen hat. Auf einmal kreuzt ein etwas erfahrener Schlittschuhfahrer unseren Weg und ich bin kurz davor herunterzufallen, aber seine Hand greift zum richtigen Zeitpunkt fester zu und hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu finden. Erst jetzt schaue ich mir den Fahrer an, der mir auch in die Augen sieht. Ist das etwa Mr. Whirlpool? (Ein alter Kommilitone von dem ich noch nicht erzählt habe. Wir hatten Sex, nachdem wir in seinem Whirlpool waren. Allerdings hat sich der Kontakt irgendwann aufgelöst. Erzähle ich vielleicht bei Gelegenheit, ist ja doch eine ganz romantische Szene gewesen.) Vielleicht oder vielleicht auch nicht Mr. Whirlpool grüßt jedoch nicht, also bleibe ich weiterhin unsicher ob er es ist.

Nach rund 1,5 Stunden habe ich genug vom Eislaufen. Weil der Abend aber noch jung ist, schlage ich vor noch etwas trinken zu gehen. Der Abend ist angenehm warm, sodass wir in die Stadt spazieren. Bestimmt eine Stunde laufen wir durch die Gegend, unterhalten uns und lachen auch immer wieder. Besonders lacht er, als er erfährt, dass ich noch gar nicht auf dem Sowieso-Berg in der Stadt in der wir wohnen noch nicht war, obwohl der echt nicht weit ist und eigentlich innerhalb von wenigen Minuten erreichbar ist. Was soll ich sagen? Es hat sich in den zwei Jahren einfach nicht ergeben, auch wenn ich oft gehört habe, wie schön es da oben ist.

In der Bar angelangt gönnen wir uns ein kühles Bier und verbringen auch hier wieder einige Stunden, bis ich bemerke wie spät es eigentlich ist und meine letzte Bahn in wenigen Minuten fährt. Diesmal übernehme ich die Rechnung und er begleitet mich tatsächlich noch zur Bahnstation, obwohl ich ihm sage, dass er das nicht muss. Als die Bahn von weitem zu sehen ist, umarmen wir uns zum Abschied und ich schaue ihm danach noch in die Augen. Auch diesmal ist kein Kuss drin, was wirklich sehr schade ist. Ich hätte ihn wirklich sehr gerne geküsst, aber wie macht man sowas denn? Ich habe schon lange keinen Mann mehr geküsst, mit dem ich nicht schon im Bett lag und deutlich war was als nächstes passiert.

Schon am nächsten Morgen bekomme ich eine Nachricht von ihm: „Ich weiß ja schon wo wir als nächsten hingehen könnten.“ Ich muss wieder lächeln. Keine übermäßige Euphorie oder Begeisterung. Ich bin einfach erfreut und frage mich ob das denn genug ist? Wie konnte ich bei Mr. Beschnitten so euphorisch sein und so viel so früh empfinden? Und warum ist das nun beim Arzt anders obwohl ich ihn wirklich nett (noch nicht toll, aber echt nett) finde? Ich freue mich wirklich trotzdem auf unser Date, wo ich endlich auf den besagten Berg mit ihm gehe. Ein wirklich aufmerksamer Gentleman 🙂

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29 Gedanken zu “Das hilfsbedürftige Mädchen

  1. Die Euphorie kommt dann schon mit dem ersten Kuss – bisher seid ihr ja auf Sparflamme und sehr behutsam unterwegs. Probier’s doch einfach so aus! Wie man das macht mit dem Kuss? In diesen Momenten kannst du es einfach tun, nicht überfallartig, einfach mit etwas Bedacht. Er wird garantiert erwidern.

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  2. Das Thema Kuss hatten wir bei tinderundsowas schon einige Male. Prinzipiell hat Fortunato Recht, dass du da eh nicht gekorbt werden wirst. Ist ziemlich failsafe.
    Ich gehöre da allerdings der Fraktion an, die den Kuss dem Typen überlassen würde. Ruhig mal gucken, ob er das überhaupt hinkriegt. Denn wenn er sich nicht mal das traut … Wäre dann so mein Gedanke.

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    1. Aber wie kann man sich denn soooo sicher sein? Ich mein gut, dass er mich wieder sehen will und das auch ziemlich schnell in die Wege leitet ist ja dann schon gutes Indiz, aber das weiß ich ja während dem Date nicht.
      Ich denke nicht, dass man es immer dem Typen überlassen muss. Vielleicht ist er so ein Gentleman, dass er erst weitergeht, wenn die Frau den ersten Schritt gemacht hat?

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      1. Kein „aber“. Du hast schon alles genannt, was entscheidend ist. Tinderundsowas hatte z.B. 59 Tinder-Dates und wurde von keinem einzigen Mann (sexuell) gekorbt.

        Es geht mir dabei nur um dich. Deine Reports zeigen ja, dass du auf dominanten Sex stehst. Also sollte der Typ dich auch küssen können. 😉

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      1. Naja, das kommt auf die Person an … aber ich würd’s mal mit dem Klassiker versuchen: tief in die Augen schauen, lächeln, näher treten. Definitiv näher treten. Körperliche Nähe suggeriert ja immer, dass man sich wohl fühlt und sowas wie ein Kuss drin ist. Wenn das Gegenüber das selbe tut, also nicht zurückweicht, dann klappt das. Im Zweifelsfall auch einfach mal fragen „ich würd dich gerne küssen, darf ich das?“ Ein Nein hab ich in so einer Situation glaub ich erst ein einziges Mal zu hören bekommen, aber das lag in diesem Fall nicht am Unwillen meines Gegenübers sondern an den äusseren Umständen, die zugegebenermassen etwas speziell waren 😉

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      2. Lange anschauen, dabei immer mal wieder auf den Mund gucken und dabei leicht Grinsen. Wenn das nicht klappt, weiß ich auch nicht 😅
        Stehe aber auch eher auf die Männer, die dann beim spazieren gehen einfach stehen bleiben und einen ungefragt küssen. „Darf ich dich küssen?“ zu fragen ist bei vielen aber auch ein sehr großer Abturn. Zumindest bei Frauen. Wie das anders rum aussieht, weiß ich nicht. Vielleicht kannst du das ja mal ausprobieren

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      3. Fragen finde ich auch seltsam und ist für mich auch ein absoluter abturner… aber na gut lange anschauen und immer mal wieder auf den Mund. Das probier ich aus..

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      4. Also fragen würd ich eben auch nur im Zweifelsfall, also wenn man merkt, dass das Gegenüber zwar möchte, die Signale aber nicht zu verstehen scheint 😉 Da muss man dann Nägel mit Köpfen machen. Normalerweise ist sowas aber echt nicht nötig!

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      5. Ich habe das Gefühl, dass die Frage mittlerweile eher kommt, weil man als Mann durch Metoo sensiblisiert wurde. Ich habe bisher nie gefragt und würde auch nicht dazu raten, ich finde es aber nicht schlimm, wenn gefragt wird. Offensichtlich befürchtet die Person, dass sie sonst übergriffig agiert.

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