Mut

– Oktober 2019 –

Ein Mädelswochenende wie ich es schon lang nicht mehr hatte. Glücklich und euphorisch. Stark und irgendwie auch kitschig. Lautes Lachen und so viel Liebe, wie man es sich nur wünschen kann. Voller Tatendrang und doch so ruhig und angekommen. Kurz aber umso intensiver. Mittendrin und hungrig.

Also wirklich hungrig. So Magenknurren hungrig. Deswegen geht unser Weg nach einem langen Morgen im Bett und einem Spaziergang durch die Stadt in das vorher ausgesuchte Lokal. Schon beim Eintritt seh ich ihn. Diesen wirklich süßen Kellner. Blonde lange Haare im Dutt. Zugegeben nicht wirklich mein Ding, aber es steht ihm. Durchschnittlich groß und athletisch. Wunderschöne Hände und ein interessantes Gesicht. Nicht zuletzt wegen seinem Brandmal, das sich über seinen rechten Wangenknochen bis zu seinem Auge zieht.

Als wir sitzen, treffen sich unsere Blicke das erste Mal. Ein Lächeln huscht über meine Lippen, auch über seine. Seine Kollegin nimmt unsere Bestellung auf, aber er bedient uns den Rest des Tages. Zum Glück.

Er räumt unsere Teller weg, will gerade nach meiner Serviette greifen, als ich sie zurückhalte. „Safety first“ sagt er und lächelt mich an. Was auch immer das bedeuten soll. Ich lächle trotzdem zurück. Später soll es noch ein Wein sein. Ich zeige auf der Karte welcher es sein soll, er kommt näher und legt auch seine Hand auf die Karte. Unsere Fingerspitzen berühren sich, nur ganz kurz. Ein gribbeln in meinem Bauch. Auch wenn es nur eine kurze Berührung war und es auch kindisch ist. Ein wunderbares Gefühl.

Dieses wunderbare Gefühl erstreckt sich durch den ganzen Abend. Die Blickkontakte, das Lächeln. Ich bin enzückt. Ich sollte handeln. Ich sollte irgendwas tun. Unser Wein wird immer leerer. Jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Warum nicht? Was könnte passieren? Nichts. „Hat jemand einen Kugelschreiber?“ Zum Glück eine meiner Freundinnen. Die Serviette kommt mir gelegen. Nicht, dass ich nicht schon vorher daran gedacht hatte, als Notlösung. Ich kritzle meinen Namen und meine Handynummer drauf. Später noch ein Smiley. Ich bin ja die Süße von dem Abend.

Ich bin aufgeregt. Mein Puls geht hoch. Tue ich es wirklich? Trau ich mich? Er kommt mit der Rechnung. Ich leg mir meine Worte zurecht, warte bis er fertig ist. Mich zur Ruhe zwingend, geht mir nichts anderes im Kopf durch, als dass ich mich nicht verhaspeln soll. Er will gerade gehen, als ich meinen ganzen Mut zusammenpacke und mit der ganzen Ruhe, die ich sammeln konnte, sage „Ich weiß nicht ob es passend ist oder nicht, aber vielleicht hast du mal Lust auf einen Kaffee?“ Ich schiebe ihm die Serviette hin, lächel noch einmal etwas verlegen und noch immer überaus aufgeregt. „Wow, das ist sehr lieb.“ Die ganze Euphorie versinkt. Dieser Satz kann nur damit enden, dass er eine Freundin hat. Anders als erwartet, packen mich die nächsten Worte und bringen mich noch einmal zum strahlen. „Ja, hab ich.“

Überglücklich verlassen wir die Bar. Von der Tür schaue ich noch einmal zurück. Er schaut vom Boden zu mir auf. Ein Moment, wie aus den ganzen kitschigen Liebesfilmen. Noch ein geschmeicheltes von ihm und ein verlegenes Lächeln von mir und die Blicke trennen sich. Das Leben ist zu kurz, um nicht den Mut zu haben, denk ich mir. Mit selbstbewussten und glücklichen Schritten, starten wir in die noch junge Nacht. Die Welt, die gehört nämlich mir.

Zumindest bis zum nächsten Tag 😀 Weil da bringt mich jede Vibration meines Telefons aus der Spur…

11 Gedanken zu “Mut

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