Neu werde zu alt

– Dezember 2019 –

Es ist da dieser Typ von Tinder. 196 cm groß. Also genau 40 cm größer als ich. Riesig ist er. Vielleicht eigentlich zu riesig, aber so unglaublich interessant. Dieser Ausdruck in den Augen, die dir Geschichten erzählen möchten und die Form dieser fülligen Lippen, die geküsst werden wollen, macht mich schier verrückt. Dieser Mann, der mich wieder auf eine so weibliche, zarte Art so zerbrechlich fühlen lässt. Der in mir dieses verloren gedachte Gefühl der Nähe wieder aufblühen lässt. Der dieses starke Bedürfnis in mir weckt meinen Kopf auf seine Brust zu legen und die Welt um mich zu vergessen. Der mir nur innerhalb eines Treffens das Gefühl gibt bei ihm sicher zu sein.

Ja richtig gelesen. Ein Treffen. Das sich nach längerem Schreiben, dann endlich ergeben hat. In einer Bar. Gemütlich und locker. Viele Gespräche über Kultur und auch Kunst. Mit etwas Körperkontakt. Mal hier eine Hand auf dem Schenkel oder das klassische Berühren der Knie ohne sie wegzuziehen, sondern diese so jungfräuliche Berührung einfach zu genießen. Nach einigen Stunden dann ein kleiner Spaziergang mit anschließendem Abschied. „Wir sehen uns ja sicher wieder?!“ Ich lächle zur Bestätigung. Ja, mit ihm möchte ich mich öfter Treffen. Noch kann ich nicht genau sagen was genau ich so beeindruckend finde, aber ich tue es.

Das Lächeln bleibt auf dem Heimweg. Sogar noch als ich im Bett liege und darüber nachdenke. Ein Gefühl breitet sich in mir aus. Mehr ein starkes Bedürfnis, das nicht sexueller Natur ist. Dieses Bedürfnis, das ich schon so lange nicht mehr hatte. In meinem Kopf bildet sich dieses Bild von mir in seinen Armen. Mein Kopf auf seiner Brust, mein Bein um seinen Körper gelegt. Der linke Arm auf seinem Oberkörper mit streichelnden Bewegungen. Sein linker Arm unter meinem Kopf, die Finger an meinem Arm, die mich etwas kitzeln, aber tatsächlich nur zärtlich berühren. Seine rechte Hand an meinem Schenkel, die an diesem hoch und runter streicht. Das Gefühl der Sicherheit und der Liebe in diesem Bild verbreitet sich in mir. Dieses Bild verankert sich in meinem Kopf. Irgendwie verwirrt, aber irgendwie auch glücklich, dass das ein gutes Zeichen ist. Vielleicht bin ich nicht komplett kaputt, vielleicht nicht nur sexversessen.

Drei Tage später bekomme ich erst eine Nachricht. Etwas enttäuscht aber immer noch mit diesem Bild in meinem Kopf, schreiben wir weiter. Kurz nach Weihnachten soll das zweite Treffen stattfinden. Ein Spaziergang am Abend zu einer Aussichtsplattform. Das Ende noch offen. Vielleicht eine Bar, vielleicht mein Bett bei einem Film, mit der Hoffnung dieses Bild in meinem Kopf in die Realität zu holen.

Mit Vorfreude steige ich ins Auto und fahre von meinen Eltern in meine Wahlheimat. Noch davor schreibe ich ihm, ob das Date heute steht. In meiner Wahlheimat nach 1,5 Stunden angekommen, schaue ich das erste mal wieder auf meine Handy. Keine Antwort von ihm, aber eine Nachricht von Herrn Busch, die ich in der Vorschau lese „Eh Hayat, Hattest du schöne Weihnachten? Bist du in Stadt XY? Wie wärs mit einem Bier?“
Ich schüttle leicht den Kopf, lache verbittert auf, obwohl es mich auch irgendwie freut. Diesen Kerl werd ich wohl nie los. Ich beschließe ihm nicht zu antworten. Der kann mich mal.

Drei Stunden später noch immer keine Antwort von Mr. Riesig. Ich warte noch bis halb sechs, bevor ich meine nächste Nachricht schreibe. „Ich will nicht bitchy sein, aber wenn das Date nicht steht, dann verplan ich mich anders.“ Ich denke darüber nach was ich stattdessen machen könnte. Meine Freunde und auch Mitbewohner sind alle noch nicht in der Stadt. Ich werde wütend. Pure Enttäuschung breitet sich aus. Die Vorstellung extra früher in meine Wahlheimat gefahren zu sein, um jetzt alleine in der Wohnung in meinem Bett zu liegen macht mich rasend. In was für eine Gesellschaft leben wir? Wo nichts mehr sicher ist. Nicht mal die einfachsten Entscheidungen. Ich schmeiße ein Kissen durch das Zimmer, schreie wütend auf. „Soll das wirklich dein Abend heute sein?“

Ich nehme mein Handy nochmal in die Hand. Warte noch kurz. Schaue ob er eventuell in dieser Zeit online geht. Nichts. Ich geh aus dem Chat. Mein Blick richtet sich auf die einzige noch ungelesene Nachricht. Auf diesen Namen, den ich eigentlich aus meinem Leben löschen möchte. Ich klicke darauf. Lese die Nachricht noch einmal. Dann fange ich an zu tippen.

14 Gedanken zu “Neu werde zu alt

  1. Ich hasse das, dass man sich auf niemanden mehr verlassen kann und ständig damit rechnen muss, dass der andere doch absagt, obwohl er weiß, dass man dafür extra was verschoben hat.
    Hatte ich letztens auch. Extra einen tag früher aus der Heimat gekommen, um mich mit wem zu treffen. War aber so unsicher, ob das wirklich klappt, dass ich mit dem Zug buchen so lang gewartet habe, dass der schon richtig teuer war. Ich hab 5mal nachgefragt, ob es auch wirklich klappt und als es dann tatsächlich geklappt hat, war ich total verwundert, weil das inzwischen ja leider nicht mehr die Regel ist.

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    1. Ja, leider nicht. Und super traurig, dass das nun so ist. Alles muss man bis fünf min davor noch bestätigen, sonst ist es eh unsicher. Das schleicht sich mittlerweile sogar im Arbeitsleben ein. Lieber noch ne halbe Stunde vor nem Termin eine E-Mail schreiben, dass der Termin steht, bevor man niemanden erreicht. Richtig zum kotzen.

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  2. Tut mir leid, das zu lesen. Aber wir ihr schon sagtest, das ist scheinbar mittlerweile modern. Wenn ich überlege, wie selten 2017 Absagen eintrudelten und wie fest man mittlerweile bei jedem Date, das man ausmacht, schon damit rechnet, dass es nicht stattfindet ist verblüffend und auch ein wenig frustrierend. Ich weiß nicht, was in solchen Leuten vor sich geht. Einfach mal den Mund aufmachen und klar sagen, dass man kein Interesse hat, ist wohl zu schwierig.

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  3. „Ich will nicht bitchy sein, aber wenn das Date nicht steht, dann verplan ich mich anders.“ Ich denke darüber nach was ich stattdessen machen könnte.“ – Du sprichst mir aus der Seele, das kenne ich so gut!

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