Zeitlupe

– Januar 2020 –

Ein weiteres Tinderdate. Obwohl ich die letzten Wochen schon einige Treffen hatte und noch einige anstehen, möchte ich diesen ganzen Kram einfach nicht mehr. Dennoch laufe ich zu diesem einen Date. Interessanter Typ. Coole Bilder von sich und auch von/mit seiner Wohnung, die so unglaublich gut eingerichtet ist. So mit selbstgemachten, kreativen Sachen. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen. Über die letzten „Kunstprojekte“ und die Musik, die wir so hören. Dennoch kam von mir die Initiative sich zu treffen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass er das Date kurzfristig absagt, aber es findet statt und ich laufe zur besagten Bar. Ohne große Hoffnung. Mal schauen was daraus wird.

Da steht er und wartet. Ein sehr sympathisches, herzliches Lächeln begrüßt mich. Ich fühl mich sofort wohl und bin total aufgeschlossen. Ein wirklich guter Start.

Die Bar in die wir eigentlich wollten ist leider supervoll, sodass wir erst durch die Straßen schlendern und die Bars abchecken die in der Nähe liegen. Die Gespräche sind fließend. Es wird viel gelacht, viel in die Augen geschaut, auch als wir eine Bar finden und uns in eine Ecke setzen, laufen die Gespräche ohne Große Anstrengung. Wir rauchen und trinken. Verstehen uns wirklich gut. Kleine Schweigepausen entstehen, die aber nicht weiter schlimm sind. In einer dieser Schweigepausen packt er auf einmal eine Packung mit Aufklebeaugen aus. „Ich habe die immer in der Tasche, weil die immer für einen Lacher sorgen.“ sagt er und klebt dem Zuckerbehälter auf dem Tisch zwei Augen auf. Ein Gesicht entsteht und wir lachen. Nicht nur darüber wie lustig das aussieht, sondern über die wohlmögliche Reaktion von anderen, die sich nach uns den Tisch setzen.

Es wird spät und die Bar wird langsam umgebaut, um eine Tanzfläche zu schaffen. So ist das eben Freitags. Auch wenn es spät ist, gehen wir in eine etwas gemütlichere Bar wo nicht getanzt wird. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die Freitagabend-Müdigkeit ist schon längst besiegt. Das Gefühl jemanden Fremdes vor sich zu haben ist vergangen. Ein vertrautes und wohliges Miteinander ist entstanden. Kleinere Berührung sind in Ordnung und entfachen ein ganz klein bisschen Lust.

„Letzte Runde. Danach schließen wir.“ sagt der Barkeeper, der auf einmal neben uns steht. Wir sind beide verwundert wie spät es ist und beschließen nach dem Drink zu gehen.

Die kalte Luft tut gut, auch wenn sie einen zum frieren bringt. Gemeinsam laufen wir bis zur nächsten Bahnhaltestelle wo wir uns zum Abschied umarmen. Ein Kuss landet dabei auf meiner Wange, unsere Hände halten sich noch als ich mich zum gehen umdrehe. Gleichzeitig hält mich der Gedanke ihn jetzt zu küssen, zurück. Warum eigentlich nicht? Ich lächle und ziehe ihn an seiner noch meine Hand haltende Hand zurück.

Ein vorsichtiger erster Kuss. Alles bewegt sich in Zeitlupe, bis sich unsere Lippen berühren und die Zeit stehen bleibt. Für etliche Sekunden, sogar Minuten. Erst als wir uns voneinander Trennen und uns mit verlegenen Lächeln im Gesicht voneinander verabschieden, scheint die Zeit wieder normal zu laufen.

Etwas verdattert von diesem Gefühl trete ich meinen Heimweg an und beschließe nicht alles zu zerdenken was an diesem Tag passiert ist. Das wird mein Neujahrsvorsatz…

 

7 Gedanken zu “Zeitlupe

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