Liebe auf Abstand

– September 2020 –

Die Zeit wird immer knapper. Ich werde in kaum einer Woche für zwei Wochen nach Frankreich fahren. In der Woche nach meiner Rückkehr hat er seine Klausuren, daher weiß ich, dass wir uns wahrscheinlich erst danach sehen werden. Umso wichtiger erscheint es mir ihn in dieser letzten Woche noch so oft wie möglich zu sehen. Mittlerweile ist es wieder eine Woche her, dass wir uns gesehen haben. Dennoch freue ich mich auf Samstagabend, weil wir endlich wieder zusammen ausgehen wollen.

Am Tag davor sagt er mir ab, weil er vergessen hat, dass ein guter Freund Geburtstag hat. Ich bin sauer. Zum einen, weil er wir wieder nichts unternehmen werden und zum anderen, weil er keinen anderen Vorschlag bringt. Auch beim telefonieren vergeht mein Unmut nicht. Mir kommt es so vor als ob es ihm nicht so wichtig wie mir ist, dass wir uns vor meinem Urlaub noch so oft wie möglich sehen. Die Diskussion geht bis in den Samstag rein, bis er mir Abends schreibt, dass er sich unter Druck gesetzt fühlt und nachdenken muss. Sein Telefon stellt er auf Flugmodus, sodass ein weiteres Telefonat nicht mehr möglich ist.

Ich weiß nicht so recht was das heißen soll. Hab ich zu viel erwartet? Ist das das Ende? Warum plagen mich auf einmal solche Unsicherheiten, wenn sich doch mein Gefühl ihm gegenüber noch weiter gefestigt hatte? Ich versuche mich wieder runterzuholen. Es gibt keinen Grund, um jetzt Angst zu haben oder unsicher zu sein. Ich warte bis zum nächsten Tag, als er mich anruft und wir die Situation klären. Er will nächsten Dienstag früher Schluss machen und anschließend den ganzen Tag mit mir verbringen, bevor ich für zwei Wochen weg bin. Das Lernen will er an diesem Tag pausieren. Ich freue mich, dass meine Ängste umsonst waren und denke nicht weiter darüber nach.

Dienstagmittag steht er dann vor meiner Tür. Jedes mal, wenn er dann vor der Tür steht und mich oben herab anlächelt, geht mir mein Herz auf und scheint durch mein Lächeln zu ihm. Ich hatte mich schon etwas hergerichtet. Mir meine schönste Unterwäsche angezogen und mich mal wieder mühevoll geschminkt. Schließlich gibt es nicht mehr oft die Gelegenheit sich für etwas zu richten. Das wird auch sofort mit einem Kompliment und einem innigen Begrüßungskuss belohnt. Geplant ist noch etwas zu chillen, um später dann schön Essen zu gehen und nebeneinander in meinem Bett einzuschlafen. Ich freue mich unglaublich auf diesen Tag.

Er ist sichtlich erschöpft und ich frage ihn was los ist. Es war heute schon sehr stressig für ihn, weil er seine Mitbewohnerin aka Exfreundin ins Krankenhaus fahren musste. Sie wurde angefahren und ist noch im Krankenhaus. Er muss sie später wieder abholen und es muss über Nacht jemand bei ihr sein, weil Gefahr zur Gehirnerschütterung besteht. Meine gute Laune sinkt im ersten Moment direkt in den Keller. Doch kein Essen gehen und zusammen einschlafen ist heute auch nicht mehr drin. Ich bin wütend. Nicht mal wirklich auf ihn, sondern auf die Exfreundin. Als hätte sie es gewusst. Ich schweige. Man sieht mir an, dass mir die Tatsache nicht wirklich gefällt. Es tut ihm leid, aber sie hat keine Freunde mit Auto und sonst hat auch gerade keine Zeit. Er fühlt sich für sie noch irgendwie verantwortlich, weswegen er es nicht einfach ignorieren kann.

Ich versuche meine Wut runterzuschlucken und die letzten Stunden, die ich noch mit ihm habe nicht dadurch kaputt zu machen. Wir legen uns ein wenig hin. Genießen die Sonnenstrahlen die uns durch das Fenster treffen. Ich schließe die Augen. Ich tauche mit ihm ab in unsere gemeinsame Traumwelt. Es gibt nur uns, die Sonnenstrahlen und die Lust. Auch wenn wir nicht viel Zeit miteinander haben, machen wir das Beste daraus. Diese drei oder vier Stunden haben wir nur Augen füreinander. Speichern diese Momente in unseren Köpfen, um sie in den nächsten Wochen der Trennung dann auszupacken, wenn wir es möchten.

4 Gedanken zu “Liebe auf Abstand

  1. Hallo Hayat,

    die Situation kenne ich recht gut und ohne ihn zu kennen, möchte ich dir in diesem Fall einen Rat geben, was Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen betrifft:
    1. Besprecht offen, was eure persönlichen Wünsche sind
    2. Akzeptiert die Wünsche des Partners
    3. Findet einen Weg, wie ihr euch gegenteilige Wünsche nahebringt

    Ich hatte diese Situation in meiner letzten Beziehung leider sehr oft (wobei die Zeit, bis das passierte wohl über ein halbes Jahr war). Der Punkt war, dass ich sie liebte und ich dennoch manchmal eher bei mir selbst sein wollte, weil ich gestresst und überarbeitet war. Das bedeutete nicht, dass ich sie nicht mochte oder sie mich nervte, es bedeutete lediglich, dass ich die Zeit für mich brauchte. Da ich aber konfliktscheu bin, habe ich mich oftmals dann doch zu ihr aufgerafft, wenn sie mich sehen wollte und es traf mich, wenn ich mal absagen wollte und sie deswegen sauer oder enttäuscht war. Sie hatte es sich halt so sehr gewünscht und hatte sich auch schon immer alles ausgemalt. Wenn ein Abend dann mal anders ablief, als sie es sich gewünscht hatte, war die Stimmung dann im Keller bei uns beiden. Ich hätte sie damals auffangen können, indem ich ihr gesagt hätte, wie wichtig sie mir ist, aber das fiel mir dann in so einem Miese-Laune-Modus auch nicht leicht. Wir haben uns da gegenseitig verletzt und wollten das absolut nicht. Wir hatten keinen Weg für uns gefunden, wie wir darüber gut reden können.
    Es ist nicht falsch, dass du deine Wünsche, Vorstellungen und auch Ansprüche hast, aber es ist ebenso in Ordnung, dass er die seinigen hat. Das bedeutet nicht, dass er dich nicht gern hat oder ähnliches. Es ist noch sehr früh in eurer Beziehung und ich will nicht darüber spekulieren, ab wann so etwas frühestens passieren sollte. Also es passiert nun recht früh, aber das gibt euch ja die Möglichkeit, frühzeitig daran zu arbeiten, wie ihr miteinander kommuniziert (außer die Story hat bereits ein Ende).

    Fühle dich lieb gedrückt!

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieben Dank für deinen Rat! Die vernünftige Hayat weiß das alles bereits und kann das auch gut anwenden/ verstehen. Die impulsive Hayat ist aber im ersten Moment sauer und reagiert total emotional ohne wirklich darüber nachzudenken.
      Ich verstehe total, dass man einfach auch Zeit für sich braucht um wieder Energie zu tanken. Auch ich als eher extrovertierte brauche die Zeit für mich. Es ist nur schwierig im ersten Moment nicht emotional zu reagieren. Was allerdings in Ordnung sein sollte bis dann die Vernunft kommt. Das habe ich ihm auch so erklärt, damit solche Situationen nicht ausarten 😊

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