Der Traum

– Oktober 2020 –

Der Wecker klingelt und reißt mich aus diesem wundervollen Traum, den ich hatte. Ich hatte nämlich das Glück gefunden und es wollte mich nicht mehr verlassen. Als ich dann diesen warmen Körper hinter mir spüre, der immer noch eng an mich geschmiegt ist, weiß ich, dass der Traum nur eine Fortsetzung der Realität ist. Ich drehe mich zu ihm. Flüstere ein kleines „Guten Morgen“ und warte bis er reagiert. Und er reagiert mit einem super süßen Lächeln und versetzt mich erneut in eine wundervolle Traumwelt auf Wolken. Wir kuscheln und küssen uns so super zart, genießen diese kurze Zeit der Zweisamkeit bis der Alltag startet. „Duschen wir gleich noch zusammen?“ fragt er mich hoffnungsvoll und ich freue mich einfach nur auf die Sachen, die wir noch zusammen zum ersten Mal machen werden.

Weil mein erstes Meeting schon in einer halben Stunde ist, stehe ich dann doch auf und mache uns beiden einen Kaffee, den ich ihm sogar zum Bett bringe. „Wie habe ich das denn verdient?“ sagt er noch und küsst mich zum Dank. „Du bist schuld.“ sag ich „Du hast mich in dich verliebt gemacht und ich bin verliebt mit dem ganzen rosarot und Schmetterlingen überall.“ Ich bin froh, dass ich das einfach so mit einer Sicherheit sagen kann ohne Angst davor zu haben, dass das nicht erwidert wird oder es auf irgendeine Weise auf Zurückweisung stoßen könnte. Aber dann erwidert er es irgendwie nicht so ganz und sagt etwas halbherzig: „Ich hab doch gar nichts getan.“

Was soll ich auch darauf noch sagen?! Ich schenke dem nicht ganz so viel Aufmerksamkeit, weil die Zeit drängt und das Jourfixe mit meinen Kunden gleich losgeht. Ich mache mein erstes Meeting, während er noch im Bett liegt und wartet, weil wir ja zusammen duschen wollen. Wie es aber nach dem Urlaub so ist, häuft sich die Arbeit nur so vor mich hin und eine E-Mail scheint wichtiger als die andere zu sein. Also geht er ohne mich, damit ich bis zum Frühstück noch was abarbeiten kann. So machen wir es dann und sitzen später zusammen am Frühstückstisch. Aus welchem Grund auch immer scheint die Leichtigkeit verschwunden zu sein. Es ist so eine gezwungene Stimmung, die mich so unglaublich unsicher macht. Irgendwas in mir, scheint mit etwas nicht so glücklich zu sein, also frage ich ihn, wie er mich vor einigen Tagen noch, wie denn seine Gefühle mir gegenüber gerade so sind. „Wie sollen die sein?“ Die Frage enttäuscht mich. Verunsichert mich noch mehr. „Sind sie denn noch wie vorher?“ Ich bekomme ein gemurmeltes ja und damit gebe ich mich halt zufrieden. Vielleicht doch aus Angst etwas herauszufinden, was meine Traumwelt kaputt machen könnte.

Wir kuscheln uns noch die letzte Viertelstunde aufs Sofa, bevor mein nächstes Meeting losgeht, da sagt er mir, dass er doch auch gleich geht und mit einem Kumpel lernt. Er fühlt sich für die Prüfungen noch nicht so bereit und das macht ihm Angst. Also geht er, obwohl er den Tag mit mir verbringen wollte. Jetzt verstehe ich aber dieses komische Gefühl, meine ich zumindest. Er ist nur so zurückhaltend, weil ihn die Realität eingeholt hat. Seine erste Prüfung ist bereits in zwei Tagen. Seine letzte dann den Tag darauf. Ich weiß, dass wir uns wahrscheinlich erst wieder am Wochenende sehen, wenn dann der ganze Prüfungsstress vorbei ist und er ,wie er schon so oft gesagt hat, „100% seiner Aufmerksamkeit“ mir schenken kann. Also lasse ich ihn mit einem Abschiedskuss gehen.

An diesem Tag, Dienstag, schreiben wir nur wenig. Auch wenn ich immer noch etwas verunsichert bin, gebe ich ihm die Zeit, die er wahrscheinlich zum lernen braucht und versuche ihn nicht abzulenken. Spät abends dann will ich ihn noch anrufen, einfach um meine innere Unsicherheit loszuwerden, weil wie ich mir einrede, alles sowieso nur in meinem Kopf passiert, aber eigentlich alles ganz unbedenklich ist. Es ist belegt. Also warte ich bis ich es ein zweites Mal probiere. Wieder belegt. Also schreibe ich ihm, dass er mich ja zurückrufen kann, wenn er aufgelegt hat und ich ihn gerne noch hören würde. Er schreibt noch, dass er mit seiner Mutter telefoniert, also warte ich. Stunden. Und ich schreibe, ob er denn jetzt eingeschlafen ist. Die Nachricht wird aber nicht zugestellt. Auch nicht nach einer halben Stunde. „Hast du jetzt ernsthaft den Flugmodus aktiviert?“ Obwohl ich mit keiner weiteren Nachricht mehr rechne, kommt eine Stunde später: „Ich brauche gerade Zeit zum nachdenken.“

Über was nachdenken? Über uns? Über dein Leben? Ich will schreien, ihm tausend Nachrichten hinterschicken, aber ich lasse es. Ich lasse ihn mit seinen und mich mit meinen Gedanken alleine. Die Angst erfasst mich. Die Tränen fließen nur so vor sich hin, bis ich mich frage, warum ich überhaupt weine? Es ist doch eigentlich nichts passiert. Er hat eine schwierige Zeit vor sich und es überfordert ihn. Also höre ich auf zu weinen, es zu zerdenken. Ich warte einfach ab.

Ich bekomme wie gewohnt eine „Guten Morgen“ Nachricht, aber ohne Kuss-Smiley. So ein bisschen unnormale Normalität, mit der ich nich klar komme und entscheide erst mal noch nicht zu antworten. Zwei Stunden später kommt noch ein „Du bist sauer…“ und ein trauriges Smiley hinterher. Ich fühl mich schlecht, weil ich ihm in dieser Phase noch mehr Probleme aufhalse, anstatt die unterstützende Freundin zu sein. Ich sage ihm, dass er sich darum jetzt erst mal keine Gedanken machen soll und wir darüber sprechen, wenn er mit seinen Prüfungen durch ist. Er stimmt zu und es entsteht so ein dummer Smalltalk ohne wirklichen Inhalt. Die Stimmung ist komisch. Eine Stimmung, die ich einfach nicht lange ertrage, weil ich will, dass es wieder wie vorher ist, also starte ich einen Versöhnungsversuch und schreibe: „Ich kann gar nicht lang sauer auf dich sein. Dafür mag ich dich einfach zu sehr.“

Mein Versöhnungsversuch bleibt ohne Ergebnis. Ich bekomme keine Antwort. Dabei wollte ich nur ein „Ich dich auch.“ hören und dann wieder da anknüpfen wo die Schmetterlinge waren. Aber ich bekomme keine Antwort. Keine Antwort, die mir schon alles sagen sollte. Dennoch schiebe ich diese fiese Realität von mir weg. Wünsche ihm am nächsten Morgen viel Erfolg für seine Klausuren und bekomme ein simples „Danke“ als Antwort. Immerhin antwortet er darauf und ghostet mich nicht. Also ist er vielleicht wirklich nur überfordert und entflieht einfach jeglichen Konflikten.

Am Freitagabend warte ich auf ein Lebenszeichen von ihm. Seine letzte Klausur ging bis 16:00 Uhr. Mittlerweile ist es 19:00 Uhr. Ich schreibe ihm. Auch wenn er sich bei mir melden sollte, knicke ich ein. Ich kann diese Unsicherheit einfach nicht mehr ertragen. Also schreib ich: „Ich hoffe deine Klausuren waren erfolgreich. Meinst du wir können heute noch kurz telefonieren? :)“ und bekomme keine Antwort. Er ist online, aber antwortet nicht. Also rufe ich an. Es klingelt, aber er antwortet nicht. Ich rufe eine halbe Stunde später wieder an. Diesmal ist es belegt. Auch noch eine Stunde später. Sogar noch drei Stunden später…

Die Unsicherheit zerfrisst mich richtig. Mein Inneres ist ein komplettes Chaos. Was passiert gerade? Ich kann es nicht beantworten. Mein Kopf will nicht aufhören zu denken. Ich will nur noch schlafen. Die Situation vergessen, dieses schreckliche Gefühl in mir los werden. Nach zwei Vomacur und zwei Gläsern Wein, ist mein Körper kaputt. Ich kann kaum mehr richtig sitzen, also lege ich mich hin und hoffe auf Schlaf. Mein Körper ist wie tot, der Kopf aber immer noch am denken. Der lacht über meine dumme selbstzerstörende Art. Ich stehe irgendwie neben mir und lache mich selbst aus. Was bist du dumm, frag ich mich selbst und falle in einen unruhigen Schlaf mit seltsamen Träumen.

Am nächsten Morgen wache ich genauso kaputt wie am Abend davor auf. Mein Blick geht zum Handy. Keine Antwort. Mittags beschließe ich erneut anzurufen. Wieder belegt. Ich werde langsam misstrauisch. So lang kann er niemals telefonieren. Also fange ich an zu googeln und finde heraus, dass sowas nur passiert, wenn die Nummer blockiert wurde. Hat er wirklich meine Nummer blockiert? Ich unterdrücke meine Nummer, um mir richtig sicher zu sein und der Anruf geht durch.

Die Welt bricht über mich ein. Wurde ich schon wieder verarscht? War das alles eine Lüge? Tausend Sachen gehen mir durch den Kopf. Ist er auch so ein Soziopath wie das Model? Ich weiß nicht einmal wo er genau wohnt. Auf einmal macht es Sinn, dass ich das nicht weiß, weil vielleicht ist die Exfreundin gar nicht die Exfreundin und jetzt wird alles nur zu kompliziert also ghostet er mich jetzt einfach. Ich bin sauer. Auf mich, auf ihn, auf alles. Kann es nicht glauben, dass mir das wieder passiert. Dass ich wieder und wieder diesen Schmerz in mir fühlen muss. Ich bin hilflos.

Gerade als ich glaube, dass ich wahrscheinlich nie wieder etwas von diesem Menschen hören werde, vibriert mein Handy. Eine Nachricht von ihm. „Ich brauche gerade Zeit für mich. Ich melde mich, wenn ich soweit bin.“

Mein Schmerz. Meine Trauer. Meine Wut. Jegliches Gefühl weicht von mir. Ich fühl mich leer. Die Gedanken sind aus meinem Kopf gepustet. Auch hier komplette Leere. Ich verstehe gar nichts mehr.

7 Gedanken zu “Der Traum

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