Wenn das Kribbeln verschwindet

– Oktober 2020 –

Ich rechne bis zum Wochenende mit keiner weiteren Nachricht von ihm, aber nur einen Tag später meldet er sich mit folgender Nachricht bei mir: „Jetzt sitze ich hier und weine vor mich hin, weil ich nicht in der Lage bin mich zu öffnen. Etwas in mir mich blockiert. Ich jeden Abend wenn ich zur Ruhe komme, an dich denke und ich mich selber hasse, weil ich dich verletzt habe. Mir geht es psychisch nicht gut. Ich bin kein Mensch der es wert ist geliebt zu werden. Ich habe nichts und niemanden verdient. Ich werde in Therapie gehen.“ Auch diese Nachricht lese ich wieder und wieder. Es löst Ruhe in mir aus. Ok, es ist nicht wegen dir. Geht es mir durch den Kopf. Macht es das aber wirklich besser? Was genau will er mir mit der Nachricht überhaupt sagen? Er teilt sich nur mit und sagt, dass es ihm nicht gut geht. Er sagt aber nicht, dass er dich wieder will. Die Trübnis legt sich wieder über mich und ich versinke in meinen Gedanken und eigenen Selbstzweifeln. Weil wenn wir etwas gemeinsam haben, dann das und das fehlende Selbstwertgefühl.

Ich ringe mit mir selbst in meinen Gedanken. Es tut mir unglaublich leid, dass es ihm nicht gut geht, dabei war er es, der mich verletzt hat. Nach Stunden bekomme ich es hin ihm eine Antwort zu schreiben. „Ich weiß nicht genau was ich dazu sagen soll. Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir telefonieren.“ Er reagiert sofort und wir beschließen am nächsten Tag zu telefonieren.

Die Stimmung am Telefon ist angespannt. Auch wenn er versucht mit Smalltalk das ganze aufzulockern, ist da diese Blockade. Er erzählt mir etwas von seinen Gedankengängen. Der gemeinsame Tag hat er als so schön empfunden und hat gesehen, dass ich hin und weg von ihm bin. Er kann es nicht mit sich selbst vereinbaren, dass ein Mensch ihn so mögen kann und kann diese Gefühle nicht auf die Weise wie ich ausleben. Das erscheint ihm unfair, weswegen es ihn so blockiert hat und es beendet hat, bevor es noch weiter geht und ich später noch mehr verletzt werde. Er hat aber gemerkt, dass ich ihm so viel Kraft gebe und er mich vermisst, wie er noch nie jemanden vermisst hat. Die Worte gehen natürlich im direkten Weg zu meinem Herzen. Wie könnte ich noch sauer auf jemanden sein, den ich so sehr ins Herz geschlossen habe? Natürlich ist das Vertrauen angeknackst, aber wer sagt, dass man das nicht wieder aufbauen kann?! Vor allem, wenn er verspricht alles dafür zu tun, um mich das Vergangene vergessen zu lassen. Schließlich bin ich seine Traumfrau und daran hat sich nichts geändert. Ich sage, dass ich darüber nachdenken muss und wir schauen können wie es weitergeht, wenn wir uns wieder sehen.

Am nächsten Morgen bekomme ich wieder eine Nachricht: „Guten Morgen! Ich hoffe es ist in Ordnung, dass ich dir schreibe.“ Ich kann nicht genau sagen, ob es tatsächlich in Ordnung ist, aber ich weiß, dass ich will, dass es funktioniert. So schreiben wir also wieder täglich. Wenn auch nicht mehr mit der Lockerheit wie am Anfang. Am Montag sind wir beide wieder in der Heimatstadt. Um ungestört und in Ruhe reden zu können, kommt er abends zu mir. Ich an einem Ende der Couch, er am anderen Ende. Es ist schön ihn wieder zu sehen, aber die Freude, die Lockerheit, dieses unbändige Verliebtsheitsgefühl ist nicht mehr da. Da ist dieser Graben in mir. Was ich sage passt allerdings gar nicht dazu. Ich will ihm eine weitere Chance geben, aber er muss mir zeigen, dass er mich wirklich will. Er hat mir zuvor zu deutlich das Gegenteil gezeigt. Er hätte bereits einen Livecoach/ Therapeuten gefunden, der ihn aufnehmen will. Er hofft damit sein Inneres aufräumen zu können und mir das geben zu können, was er glaubt, was ich brauche. Es entsteht eine Redepause. Ich schaue zu ihm und ich kann meine Gefühle einfach nicht sortieren. Will ich das? Will ich das mit ihm durchmachen? Ist das meine Aufgabe? Ich weiß es nicht. Dennoch will ich ihn. Ich will die Zukunft, die ich mir mit ihm ausgemalt habe.

Er reißt mich mit seiner Frage, wie wir nun weiter machen wollen, aus meinen Gedanken. Ich bekomme nur ein „Ich weiß nicht.“ raus und frage dann wie er weiter machen möchte. Er nimmt meine Hände in seine. „Ich weiß ja nicht mal ob ich dich wieder anfassen darf oder dich küssen darf.“ Seine warmen Hände fühlen sich komisch in meiner Hand an. Auch wenn ich die Geste wunderschön finde. Vielleicht muss ich einfach wieder darauf einlassen? Mich bewusst dafür entscheiden, dass die Gefühle wieder zurückkommen? Ich lehne mich vor zu ihm. Auch er kommt näher. Ich will dieses Kribbeln, dieses wunderbare Gefühl heraufbeschwören. Unsere Lippen treffen sich gleich und ich gehe ein klein bisschen zurück, um nur seinen Atem spüren. Das Kribbeln zu spüren. Aber es passiert nichts. Ich ziehe es in die Länge, gebe dem ganzen mehr Zeit, aber dennoch ändert sich nichts. Es passiert nichts in mir. Also komme ich doch näher und küsse ihn. Hoffe auf ein entfachen der Gefühle. Ich konzentriere mich auf die weichen, warmen Lippen, die meine umschließen. Will mich darauf und auf ihn einlassen. Es einfach wieder zulassen. Es fast schon erzwingen. Aber auch wenn ich an die Gefühle zurück denke, ist da nichts. Nichts außer diesem Graben. Die Einkerbungen meines gebrochenen Herzens.

2 Gedanken zu “Wenn das Kribbeln verschwindet

  1. Dein Herz ist ganz schön schlau. Es hat nämlich gelernt, dass es besser ist, für diesen Mann keine Gefühle mehr zu entwickeln. Ich kenne es, wenn man unbedingt will, dass etwas funktioniert, weil die Sehnsucht nach einer Bindung so immens groß ist und es zunächst so schien, dass ER richtig ist. Aber das Herz lässt sich nicht verarschen und das ist gut so. Es könnte in einer „toxischen Beziehung“ münden und das wird Dir nicht gut tun. Vielleicht scheint auch das besser, als gar keine Beziehung? Immerhin erlebt und lernt man da was. Sonst bleibt nur die Leere. Bin gespannt wie es weiter geht. Liebe Grüße!

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