Die offene Tür

– Oktober 2020 –

Ich drohe zu zerbrechen. Mich komplett aufzulösen. Statt aber dann in Tränen auszubrechen, bin ich auf einmal ruhig. Die Unruhe aus den letzten Tagen ist wie weggeblasen. Meine Gedanken und ich sind still. Er redet weiter. Sagt irgendwas davon, dass es ihm leid tut. Er noch nicht bereit ist, er so viele Baustellen im Leben hat und sich einfach nicht auf mich einlassen kann. Worte, die ich schon vor ein paar Wochen von ihm gehört habe. Er tut mir das gerade zum zweiten Mal an. Er verletzt mich ein zweites Mal innerhalb kürzester Zeit. Er versucht sich zu erklären, sagt mir, dass er mich sehr mag, aber ihn zu viele Themen in seinem Leben beschäftigen und er sich mir nicht öffnen kann. Die Wohnsituation mit seiner Ex, trägt anscheinend auch dazu bei. Als er dann erneut sagt, dass er mir gerade nicht das geben kann, was ich will, legt sich ein Schalter in meinem Kopf um.

Wut strömt durch meinen Körper. Erst noch ruhig, dann immer lauter, sprudeln die Wörter aus mir raus. Was soll das? Wie kann er jetzt mit so einer Ruhe über Facetime erneut mit mir Schluss machen? Mich zuerst zurück wollen und jetzt wieder fallen lassen? Was bin ich? So geht man doch nicht mit jemandem um, den man gern hat. Probleme hin oder her. Wie kann auf einmal von „übermäßig verliebt sein“ auf einmal nur noch „sehr mögen“ werden? Ist ihm denn nicht klar was das mit mir macht? Das hat doch kein Mensch verdient. Ich lasse ihn kaum mehr reden. Wenn er neben mir wäre, würde ich vor Wut wahrscheinlich auf ihn einschlagen. Ich kann sein Gesicht nicht mehr sehen. Er schaut ohnehin nicht mehr aufs Handy, sondern weg. Er ist wie erstarrt und ich sehe keinen Sinn mehr darin weiter zu reden. Ich lege auf.

Meine Hände zittern noch vor Wut. Die Tränen steigen mir nun doch in die Augen, statt sie frei zu lassen, schreie ich laut auf. Dieser Mann hat keine weiteren Tränen mehr verdient. Zu oft habe ich wegen ihm geweint. Es reicht. Es reicht mit ihm. Ich blockiere ihn auf jeglichen Kanälen. Whatsapp, Instagram, seine Telefonnummer und sogar auf Xing lösche ich den Kontakt. Ich will nichts von ihm sehen und ihm jegliche Chance nehmen, mir wieder zu schreiben.

Auch wenn ich in den darauffolgenden Tagen immer wieder den Tränen nahe bin, schaffe ich es mich immer wieder einzufangen und keine weitere Träne wegen ihm zu vergießen. Dennoch bin ich ausgelaugt und rede mit meinen Freundinnen darüber. Für die einen scheint der Weg ihn zu blockieren zu hart. Und später scheint es auch für mich zu hart. Ich hadere, aber beschließe vier Tage nach dem Telefonat ihn wieder zu deblockieren. Es vergehen gerade mal zwei Stunden als ich eine Benachrichtigung von Instagram bekomme. „Knotenkopf möchte dir folgen“. Wieso will er mir denn jetzt folgen? Wie kann sein, dass er es mit mir beendet, aber den Kontakt immer noch nicht lassen kann?

Ich lasse die Anfrage unbeantwortet. Dennoch schwirrt es die ganze Zeit in meinem Kopf und schmerzt in meinem Herzen. Ich will die Anfrage nicht löschen, aber genauso wenig akzeptieren. Ich weiß, dass er sich selbst eigentlich im Weg steht. Seine Gefühle für mich durchaus echt sind und er gerne anders handeln würde, aber es schlichtweg nicht kann. Aber wie kann er denn so mit mir spielen? Versteht er denn nicht, was das in mir ausrichtet? Das ist doch einfach nur egoistisch. Er handelt ohne darauf zu achten, wie es anderen damit geht. Am Abend halte ich es kaum mehr aus und beschließe ihm zu schreiben. Ich mache einen Screenshot von der Anfrage und schreibe: „Ich weiß nicht so recht was du damit erreichen oder bezwecken möchtest. Es zeigt mir nur, dass du keinen Gedanken daran verschwendest was das bei mir auslöst und wie es mir damit geht. Du sagst du willst mich nicht kaputt machen. Genau diese Achterbahnfahrt macht mich kaputt. Von über alle Ohren verliebt zu Herzschmerz und das quasi im Zweiwochentakt ohne eine Konstante. Mach dein Coaching, klär deine Wohnsituation und arbeite an deinen Baustellen. Bis dahin brauche ich Abstand. Zu dir und diesem ganzen Zustand.“

Auch wenn ich etwas stolz bin, dass ich die Worte so klar an ihn richten konnte, bin ich verunsichert. Ich weiß, dass ich die Tür nicht ganz verschlossen habe. „Bis dahin brauche ich Abstand.“ Die Worte, die damit zwar nicht geschrieben aber vermittelt werden sind „Und dann hätte ich dich gerne wieder zurück“. Ich bin eben doch nicht stark genug, um ihn abzuschreiben. Aber wie kann ich auch jemanden abschreiben, der mir die Zukunft gezeigt hat?

Nur wenig später bekomme ich seine Antwort: „Es tut mir leid. Darf ich mich wieder bei dir melden, wenn ich mein Leben etwas geordnet habe?“ Meine Antwort sollte doch jetzt ganz einfach sein, dennoch spüre ich den Struggle in mir. Ja, natürlich will ich. Jetzt in diesem Moment. Weil es mir weh tut daran zu denken, ohne ihn zu sein. Aber werde ich es auch wollen, wenn ich Abstand gewonnen habe?

14 Gedanken zu “Die offene Tür

  1. Vermutlich wäre es für euch jeweils besser gewesen, es klar und absolut zu beenden und wenn man sich dann irgendwann mal zufällig über den Weg läuft (und ja, das Leben hat so einige Merkwürdigkeiten in petto. Sich diese Tür offen zu halten, bedeutet eben auch, dass da eben sprichwörtlich offen ist, etwas Unabgeschlossenes. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber so unabgeschlossene Sachen (egal in welchem Bereich), haben mich immer meiner Ruhe und meiner Freiheit beraubt.

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      1. Das ist doch nur menschlich und verständlich. Ich hing einige Jahre an einer Frau und konnte nicht so recht mit ihr abschließen, solange du den Fehler nicht machst, ist alles gut und nachvollziehbar.

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  2. „Aber werde ich es auch wollen, wenn…“
    Ich bin kein Freund von geschlossenen Türen, heißt wer geth kann gerne mal wieder anklopfen. Dann entscheide ich ob es passt und was passt.
    Leben fließt, Leben verändert sich – jetzt ist es vollkommen unerheblich ob Du irgendwann noch oder wieder willst. Entscheide was Dir jetzt gut tut und entscheide dann ob es sich dann gut anfühlt.

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    1. Naja, wenn man damit umgehen kann, dann ist es schon in Ordnung eine Tür offen zu halten. Aber es besteht halt trotzdem immer die Gefahr, dass es mich von anderen Möglichkeiten abhält.

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  3. Ich denke auch, dass es schwer ist, sich im Kopf da jetzt bewusst eine Tür offen zu halten. Das erschwert das Heilen, bzw. zieht es in die Länge finde ich. Falls er wieder ankommen sollte, wird das Misstrauen doch trotzdem nicht verschwunden sein. Ich finde auch, dass es möglich ist, dass wir uns ändern, das Leben, die Sichtweisen, sicherlich auch dieser Mann. Es ist aber etwas anderes, sich immer wieder einer Situation auszusetzen, die einem mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gut tut. Es ist ja auch ein learning rauszulesen, dass du eher an dem was wäre wenn festhälst, dem Gefühl jemanden zu haben, der dich gut behandelt, Beziehung etc. Was halt auch absolut verständlich ist.

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    1. Das Misstrauen wird dann nicht weg sein, aber die Hoffnung, dass er sich bessert ist ja dennoch da.
      Mein Ziel war es mir selbst eine bestimmte Zeit zu geben auf ihn zu „warten“ und es dann gut sein zu lassen. Ich wusste, dass es mir auf Dauer eher schaden wird auf ihn zu warten, deswegen das Zeitlimit.

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      1. Mmm ja. Bis sich solche unsicheren, labilen Menschen bessern, braucht es meist mehr als ein paar Monate meiner Erfahrung nach. Und wenn die sich dann nach Jahren dann wieder melden (ist mir letztens so mit meinem allerersten Freund passiert, in den ich damals unendlich verliebt war, der aber eine absolute Pflaume war), dann kommt eher der schale Beigeschmack hoch.
        Ich hoffe, du bist jetzt im Januar schon über das Warten hinaus !

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