Die rosarote Brille

Obwohl das ganze nun eine Weile her ist, fällt es mir unglaublich schwer diesen letzten Teil der ganzen Knotenkopf, wenn nicht eher Kotz-/Arsch-/Fickkopf-Geschichte zu Ende zu schreiben. Ich will gedanklich damit abschließen. Alles niederschreiben und zumindest diesen Teil in die Tiefen des Internets versenken. Obwohl ich das weiß sind meine Finger wie gelähmt, meine Gedanken auf eine komische Art gesperrt. Vielleicht ist es die Angst, den Schmerz doch noch zu fühlen. Ich weiß es nicht. Also denk ich mir: „Go for it!“

— November 2020 —

Ich bin aufgeregt. Freudig aufgeregt. Ich habe eben noch eine Stunde mit ihm telefoniert, obwohl wir uns gleich sehen werden, dennoch bin ich aufgeregt. Ich kann unser Happy-End nicht erwarten. Er hat es begriffen, er will alles dafür tun um mit mir zusammen zu sein. Als ich dann am abgemachten Treffpunkt auf ihn warte und ich ihn sehe, rutscht mein Herz einfach so in die Hose. Er sieht so gut aus. Sein Lächeln dringt mir bis ins Herz. Seine Umarmung wärmt meinen Körper, meine Gedanken, mein Herz. Ich habe mich nochmal verliebt. Was sag ich da. Nochmal mehr verliebt.

Wir laufen ein Stück und holen uns einen Glühwein To-Go, um uns anschließend auf einen Platz zu setzen, der als einer der Treffpunkte für allerlei aus der Stadt ist. Gerade als er bezahlt, spricht ihn eine Blondine an. Ich stehe nur ein paar Meter entfernt, kann das Gespräch aber trotzdem nicht hören. Ich lächel ihr trotzdem entgegen, als sie mich ansieht. Ich will ja sympathisch gegenüber seinen Freunden auftreten. Er stellt sich zwischen mich und sie und versperrt weitere Blicke. Etwas komisch finde ich es schon, halte mich aber nicht weiter damit auf. Warum auch? Als sie weitergeht, kommt er wieder auf mich zu. Ich frage nicht nach, dennoch erklärt er. Eine Freundin der Exfreundin, die gerade auf dem Weg in deren noch gemeinsame Wohnung ist. Er rechnet mit Stress, weil jetzt bekannt wird, dass er sich bereits mit einer anderen trifft. Ich denke mir, dass es früher oder später ohnehin dazu hätte kommen müssen. Also besser jetzt zum neuen Start. Ich möchte das aber nicht weiter thematisieren. Heute soll es ja um was anderes gehen. Insgeheim freue ich mich aber, weil sich das nun von selbst klären wird. 

Seine Aufmerksamkeit aber gilt nicht mir, sondern seinem Handy. Den Nachrichten, die anscheinend von ihr kommen. Ich gebe ihm noch ein paar Minuten. Schweige und überlege wie ich vorgehen will. „Wenn du das lieber klären willst, mach das, aber dann gehe ich. Du kannst dich melden, wenn du mir deine volle Aufmerksamkeit schenken kannst.“ Gerade als ich es aussprechen will, legt er sein Handy weg. Stattdessen frage ich ihn also ob er nicht lieber anrufen will um es sofort zu klären. Er beneint und ich bin wieder glücklich.

Wir reden. Wir lachen. Und wir fangen an zu frieren. Weil es momentan eben keine andere Möglichkeit gibt, lade ich ihn zu mir ein. Vor meiner Haustür sagt er dann, dass er doch kurz mit ihr telefoniert und gleich nachkommt.

Also warte ich oben. Ich bin super neugierig und will eigentlich mein Fenster öffnen um eventuell lauschen zu können, kann mich dann aber doch zusammenreißen. Nur kurz später kommt er dann auch hoch. Wir sitzen wie zwei Fremde auf meiner Couch. Die Ex-Freundin hat es eben doch geschafft sich wieder zwischen uns zu drängen. Dennoch versucht er einen Start und nimmt meine Hände in seine. Wie schon einmal, fällt mir ein. Ein bisschen zögerlich formuliert er einen Satz, den ich so ähnlich schon einmal gehört habe: „Ich weiß gar nicht was ich tun soll. Ich weiß nicht mal ob ich dich küssen darf.“ 

Ich habe ein Lippenbläschen. Wahrscheinlich von dem Schreck, den ich hatte, als ich seine Nachricht gesehen habe. Also deswegen kein Kuss. Aber dafür eine kleine Nackenmassage, die er mir jetzt zum dritten Mal anbietet, weil ich solche Nackenschmerzen habe. Ich setze mich mit dem Rücken zu ihm und er fängt an meinen Nacken zu massieren. Zwischendurch spüre ich seinen Atem sehr nah an meinem Hals, dann an meinem Ohr. Ein leichter wohliger Schauer fährt meinen Rücken entlang. Als ich seine Lippen an meinem Hals spüre, bäume ich mich auf und stöhne dabei laut auf. Ich spüre wie sehr ich ihn vermisst habe. Die Lust entfaltet sich zwischen meinen Beinen, wo auch seine Hand zielstrebig hinfährt. Es geht sehr schnell, aber meine Lust ist bereits so groß, dass es nicht mehr aufhalten will. Eigentlich wollte ich das umgehen, habe deswegen nicht mal meine hübsche Unterwäsche an, bin nicht mal frisch rasiert.

Ehe ich mich versehe, ist er bereits zwischen meine Beinen und leckt mich zu meinem ersten Orgasmus. Meine Gedanken überschlagen sich, als er dann bei mir liegt. Mich in seinen Armen hält, als  hätten wir keine dreiwöchige Pause hinter uns. Ich genieße jede Minute in seiner Nähe, in seiner Wärme. Genieße den Sex auch ohne ihn dabei küssen zu können. Genieße den Gedanken, dass ich das hier noch viele Jahre auskosten werden kann. Deswegen ist es auch kaum schwer für mich ihn für diesen Abend wieder gehen zu lassen. Ich bin zuversichtlich. Nein, ich bin sicher.

Ich schlafe glücklich ein und glücklich auf. Gehe glücklich zu meinem Kundentermin, der trotz der Umstände Vorort stattfindet und komme spät abends erschöpft aber glücklich Zuhause an. Wir haben nur wenig geschrieben, wegen meinem Termin, trotzdem finde ich seine letzte Nachricht „Alles klar bei dir?!“ etwas komisch. Ich frage ob bei ihm alles gut ist. Nicht ganz, denn seine Exfreundin hat unseren Chat gelesen und will, dass er zum Wochenende auszieht. Ich biete ihm natürlich an, dass er vorerst bei mir schlafen kann und freue mich gleichzeitig, dass wir dadurch sehr viel Zeit miteinander verbringen kann.  

An meinem Telefon erscheint eine mir unbekannt Nummer. Ich ignoriere den Anruf, in dem Gedanken, dass es wahrscheinlich geschäftlich ist. Als die Nummer dann zum dritten mal anruft, denke ich, dass es wichtig sein muss und melde mich mit Name und Agenturname. Eine Frauenstimme. „Du kennst mich nicht, aber ich bin eine sehr gute Freundin von Knotenkopfs Freundin. Ich weiß nicht was er dir erzählt hat, aber er ist definitiv nicht Single. Sie waren erst am Wochenende zum Brunchen bei mir und meinem Freund. Wir haben unseren Urlaub für nächstes Jahr gemeinsam geplant.“

Stille.

Es ist wie ein Faustschlag in den Bauch. Es verschlägt mir kurz den Atem. Unglauben verbreitet sich. Wie krass muss man noch an jemandem hängen, dass man so eine Lügengeschichte erfindet? Was für ein Miststück ist denn bitte die Exfreundin, dass sie es ihm und mir nicht gönnt zusammen zu sein, nur weil sie nicht drüber hinweg kommt, dass er sie verlassen hat? Ich höre mir das Gerede der Freundin noch etwas an, bin aber weiterhin zuversichtlich, dass sie lügt. Auch wenn mein Bauchgefühl nichts gutes ankündigt bin ich mir sicher, dass das ein böses Spiel der Exfreundin ist. Denn ich vertraue ihm. Als ich dann mit ihm telefoniere und ihm alles erzähle, ruft mich eine weitere mir unbekannte Nummer an. Ich frage eher rhetorisch wer das denn nun ist. Er will, dass ich ihm die Nummer diktiere. Die Exfreundin. Ich sage ihm, dass ich keine Lust hab hin und her zu telefonieren. Ich schlage vor, dass er zu mir kommt und wir das gemeinsam aus der Welt schaffen. „Das ist keine so gute Idee. Telefonier zuerst mit ihr. Wenn du dann noch willst, dass ich vorbeikomme, komme ich.“

Jemand nimmt mir ohne Vorwarnung die rosarote Brille ab. Auf einmal sehe ich es. Alles wie es wirklich ist. Nicht wie es mir erschien, durch diese wunder- wunderschöne Brille. Ich sehe sie. Die Realität. Ich atme ein und sinke mit der Ausatmung in mich zusammen.

10 Gedanken zu “Die rosarote Brille

    1. Datenschutz war zu dem Zeitpunkt mein kleinstes Problem 😂
      Er war wohl noch auf Whatsapp mit dem PC angemeldet und sie wurde nur aufmerksam, weil ich unter dem Namen seines besten Kumpels gespeichert war, aber natürlich mein Bild drin hatte 🤷🏻‍♀️

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