Kennenlernen aus der Ferne

– August 2020 –

Ich liege wach in meinem Bett und denke an die gestrige Nacht. Ich bin noch sehr verwundert, aber irgendwie auch beeindruckt. Ich lag mit einem Mann im Bett und wir hatten keinen Sex, nicht mal einen Kuss. Ich muss lächeln. Ich verdrehe intuitiv die Augen. Will er spielen? So dieses hard to get ding?

Ich nehme das Handy in die Hand. Auf meinem Display zwei Nachrichten von ihm. Er wünscht mir einen guten Morgen und fragt wie es mir geht. Ein bisschen Smalltalk eben, bis er schreibt: „Ich schulde dir vielleicht noch eine Erklärung, weil ich nachts abgehauen/geflüchtet bin.“ Punkt für ihn. Er spricht es von selbst an. „Der Grund ist, dass ich höchstwahrscheinlich mehr wollte und deshalb abgehauen bin.“

Hmm selbstbewusst ist er, wenn er denkt, dass ich ihn überhaupt rangelassen hätte. Ich fühl mich allerdings sehr geschmeichelt. Er will es sich noch aufheben. Die Spannungskurve weiter nach oben treiben. Mir gefällt der Gedanke und gibt mir einen Einblick in seine Intuition. Zumindest wollte er nicht nur Sex und das macht mich ziemlich glücklich.

Er erzählt mir, dass er für 1,5 Wochen beruflich ins Ausland muss. Ich bin etwas enttäuscht, aber es gibt uns die Möglichkeit uns langsam kennen zu lernen. Wirklich kennen zu lernen. In dieser Woche erfahre ich mehr über ihn, als ich je über meinen Ex gewusst habe.

Später erzählt er mir, dass er seit 6 Wochen circa auf Sex und Masturbation verzichtet, weil er für sich entschieden hat Sex nur noch mit Gefühlen zu haben. Ich bin beeindruckt von seiner offenen Art und der Selbstdisziplin. Es war wohl für ihn schon krankhaft wie oft er masturbiert hat und wollte es unterbinden. Auch wenn er offen darüber spricht, begleitet ihn spürbar die Unsicherheit wie ich darauf reagieren werde. Ich kann das alles sehr aufnehmen und sehe darin kein Problem. Ich finde seine Selbstreflexion und wie er mit der Erkenntnis umgeht ziemlich toll.

1,5 Wochen – 10 Tage telefonieren, facetimen und schreiben später reist er wieder in Deutschland an. Die Vorfreude steigt ins unermessliche. Die Neugier ihn endlich näher kennen zu lernen treibt mich in den Wahnsinn.

Der Treffpunkt ist etwas unvorteilhaft gewählt. Ein großer Platz an einer Riesenkreuzung. Er könnte überall sein. Mit einem Anruf ermitteln wir unseren Standpunkt und dann sehe ich ihn endlich. Mit dem Telefon am Ohr, drei Ampeln und sechs Fahrbahnen entfernt. Mein Herz macht einen Sprung in die Höhe als er mich von der Ferne anlächelt.

2 Gedanken zu “Kennenlernen aus der Ferne

  1. Er macht da etwas durch, das gar nicht so selten ist und ist an einem (gewesen), an dem ich auch schon war. Die Einfachheit, sich über Pornografie und Selbstbefriedigung vom Leben abzulenken, ist verführerisch und kommt einer Sucht gleich, wenngleich der Entzug sich ganz anders gestaltet. Ich achte seither sehr darauf, auch in anderen Bereichen immer mal wieder zu detoxen und muss sagen, dass es das Beste war, was ich für mich selbst in meinem Leben getan habe.

    Ich bin gespannt, wie es zwischen euch weiterging, ein guter Cliffhanger.

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