Überforderung

November 2020

Es gibt Tage da denk ich nicht mal mehr an ihn. Dann gibt es Tage da vermisse ich ihn so unglaublich, dass es schmerzt. Es gibt Tage da bin ich voller Zuversicht und ich weiß, dass das was wir haben so Besonders war, dass er sich melden wird und dann alles gut wird. Es gibt aber auch Tage, die sind das komplette Gegenteil. Tage, die voller Zweifel und Trauer sind, dass es scheint als ob es nie einen Ausweg aus diesen Gefühlen geben wird. Manchmal aber vergesse ich ihn und alle Gefühle und die Zeit rast einfach so an mir vorbei. Wie auch an diesem Tag. Es ist Freitag mittag. Ich arbeite noch, als ich die rote eins an dem Whatsapp-Symbol sehe. Ich klicke drauf, weil ich auf die Antwort von einer Freundin warte. Ich sehe jedoch nicht ihren, sondern seinen Namen.

Ein Zittern erfasst meinen Körper. Ich trau mich zum einen nicht drauf zu klicken und zum anderen kann ich es kaum erwarten zu lesen was er schreibt. Ich hole nochmal tief Luft und klicke drauf. Ich erfasse nur Eckpunkte, keine ganzen Sätze. Er hat mit einer Therapie angefangen und redet oft von mir. Denkt oft an mich und vermisst mich. Er soll sich jemandem öffnen und Vertrauen schenken. Er wünscht sich, dass ich diese Person bin. Ich bin überfordert, lese die Worte immer und immer wieder. Bis die Worte Sinn ergeben. Meine Hände zittern, Tränen laufen mir einfach so über das Gesicht, mein Herz rast. Mir ist übel und ich fange an zu schwitzen. Lauter Körperreaktionen, die ich nicht einordnen kann. In mir sieht es noch viel schlimmer aus. Ich bin erneut in einer Achterbahn. Ich kann mich weder freuen, noch kann ich sonst etwas empfinden. In meinem Kopf schwirrt es, in meinem Herz schreit es.

Ich habe zwar oft daran gedacht, wie es sein wird, wenn er schreibt und wir uns dann wieder sehen, aber eben nicht an meine Reaktion auf seine Nachricht. Ich habe oft überlegt wann er sich wohl melden wird, wenn er sich denn meldet, aber es war sehr viel weiter in der Zukunft und nicht direkt nach drei Wochen. Bin ich überhaupt bereit ihn wieder zu sehen? Wieder anzufangen? Ist es nicht noch zu früh? Er kann wohl kaum seine Baustellen aufgeräumt haben. Zumindest ist er in derselben Wohnsituation wie noch vorher, laut seiner Nachricht. Aber er ist zumindest in Therapie. Ist nicht das die wichtigste Baustelle? Ich sehe wie er online und wieder offline geht. Quasi im Sekundentakt. Er weiß, dass ich es gelesen habe. Ich fange an zu schreiben. Er ist Offline. Ich höre auf zu schreiben, überdenke nochmal was ich schreiben wollte. Online. Ich tippe. Offline. Ich höre auf. Online. Ich fange erneut an, aber es erscheint mir nicht richtig. Nun gehe ich offline. Später entschließe ich einfach ehrlich zu sein. Ich schreibe, dass ich noch sehr überfordert bin und wir am besten in den nächsten Tagen telefonieren. „Ich melde mich bei dir.“ Mit der Nachricht verschaffe ich mir Zeit und Platz in meinem Kopf.

Ich lasse ihn bis Sonntag warten und melde mich Nachmittags mit der Frage ob er heute Abend Zeit zum telefonieren hat. Nur wenige Stunden später, höre ich seine Stimme wieder zum ersten Mal. Smalltalk vom feinsten und dann Schweigen. „Du fehlst mir.“ Hör ich ihn sagen. „Du mir auch.“ Hör ich mich selbst sagen und bin verwundert. Er ist sich nun sicher, dass er der Richtige für mich ist, dass er mir das geben kann was ich will und brauche und sogar noch mehr. Er ist bereit sich zu öffnen und mit mir zusammen zu sein. Ich versuche mich zurückzuhalten und logisch zu denken. Eins nach dem anderen. Ich kann nicht einfach wieder reinspringen und alles ist wie vorher. Ich weiß doch wie groß die Vertrauenseinbußen beim letzten Mal waren. Ob zu schnell oder nicht, aber wir verabreden uns zum Spaziergang am Dienstag und legen auf.

Ich denke die ganze Nacht an das Gespräch und darüber wie ich damit umgehen soll. Als ich dann morgens die altbekannte „Guten Morgen“-Nachricht bekomme, erscheint es einfach so in meinem Kopf. Was kann denn schon passieren? Was könnte denn jetzt noch nach all dem passieren? Ich kann mir nichts schlimmes mehr vorstellen, denn er hat es doch endlich begriffen. Er braucht keine Angst mehr zu haben und wenn er es doch begriffen hat, warum sollte ich denn noch Angst haben? Bin ich nicht die Mutige? Die, die mit fast schon dümmlicher Naivität sich auf Neues einlässt? Warum dann nicht auch jetzt? Wenn jetzt endlich Licht ins Dunkle kommt. Ist es dann nicht Zeit endlich glücklich zu sein? Ist es nicht an der Zeit aufzuhören die Dinge zu zerdenken, sondern sich einfach darauf einzulassen und sie zu erleben? „Doch, so ist es!“ In diesem Moment bin ich mir mehr als sicher, dass es so ist und springe ein weiteres Mal ins Verderben.

7 Gedanken zu “Überforderung

  1. Wenn ich das lese, läuft mir eine Gänsehaut über den Körper. Vieles klingt nach Aufbruch, ermutigend, zuversichtlich.
    Und dann der letzte Halbsatz.
    Ich wünsche Dir jede Menge Kraft, Heilung und neuen Mut.

    Gefällt 1 Person

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