Der Deckel

– September 2020 –

Es ist ein Tag vor meiner Abreise. Es ist gerade mal halb zehn als ich von einem Bierchen in der Stadt wieder nach Hause laufe. Auf dem Weg rufe ich ihn an, um noch ein wenig mit ihm zu reden. Weil es ja gestern nichts mit dem übernachten geworden ist, frage ich ihn ob er nicht spontan vorbei kommen möchte. Einfach um noch eine letzte Nacht bei mir zu verbringen. Er möchte nicht. Es ist ihm zu stressig jetzt noch ins Auto zu steigen und bei mir einen Parkplatz zu suchen. Ich versuche ihn mit den besten Argumenten zu überzeugen – noch ein letztes mal vor der „Trennung“ kuschelnd mit mir einzuschlafen, morgen neben mir aufzuwachen und mich zu spüren.

Die Argumente ziehen nicht. Er ist zu müde und hat gerade nicht die Kraft dafür. Auch als ich ihn daran erinnere was er mir nach der Nacht bei mir gesagt hatte, von wegen er hätte so gut geschlafen und sich erholt hätte wie schon lang nicht mehr, will er nicht. Irgendwann macht es in meinem Kopf klick. Ich sollte ihn nicht überzeugen müssen. Er müsste es selbst wollen. Auch wenn ich es respektiere, dass er Zeit für sich braucht, hinterlässt diese Tatsache ein enttäuschendes Gefühl in mir. Er schafft es trotzdem, dass ich mit einem halbwegs guten Gefühl ins Bett gehe. Immerhin hatte ich mich ohnehin darauf eingestellt ihn ab gestern nicht mehr zu sehen.

Auch wenn der Urlaub mit diesem trüben Gefühl anfängt, vergehen die Tage für mich auf einer rosaroten Wolke. Während meinem Urlaub wache ich jeden Tag mit einer „Guten Morgen“-Nachricht auf und gehe mit einer „Gute Nacht“-Nachricht oder einem Telefonat ins Bett. Wir schreiben 24/7 und telefonieren alle zwei Tage, manchmal sogar mehrmals am Tag per Facetime. Da es ohnehin ein Chillerurlaub in einem Ferienhaus ohne viele Unternehmungen ist, geht das auch für mich problemlos.

Es ist schon so weit, dass mich meine Freunde aufziehen, weil ich mich wie ein Teenie verhalte und quasi keine Minute ohne ihn kann. Es wird zum Running Gag seinen Namen in jeglicher romantischen Situation laut seufzend auszusprechen. Eines abends schreiben wir noch intensiv, nachdem wir schon über 1,5 Stunden telefoniert hatten. „Falls du dort einen süßen Franzosen kennen lernst, will ich dich nicht irgendwie aufhalten, wenn du etwas Spaß haben willst. Ich kann das verstehen. Du musst dich mir nicht verpflichtet fühlen.“

Ich bin etwas verwirrt. Warum will er, dass ich mit anderen rum mache? Ich mache ihm bewusst, auch wenn er das nicht möchte, ich mich schon sehr verpflichtet fühle und auch mit sonst niemandem gerade etwas anfangen könnte. Er ist erleichtert, dass ich das sage und er sich mir auch verpflichtet fühlt und damit sehr glücklich ist. Er will niemanden sonst als mich. Diese Unsicherheit verwirrt mich und schmeichelt mir zugleich. Kann es wirklich sein, dass er dieselben Unsicherheiten mit sich trägt wie ich auch? Es scheint so zu sein und ich versuche sie ihm zu nehmen, indem ich sage wie toll ich ihn finde.

Daraufhin bekomme ich folgende Nachricht, die fast schon Schwindel in mir auslöst: „Hayat, ich habe mich in kürzester Zeit total in dich verliebt. Es macht mir Angst und mach mich gleichzeitig so unglaublich glücklich.“ Ein leichter, warmer Schauer überfährt mich. Er ist in mich verliebt. Er ist wirklich in mich verliebt, so wie ich in ihn. Mein Herz zieht sich zusammen, mein Bauch macht tausend Purzelbäume. Es kullert sogar eine Freudenträne über die Wange. Er ist es wirklich. Alles Leid hat eine Ende, geht es mir noch durch den Kopf, als ich ihm sage, dass ich mich auch total in ihn verliebt habe.

Wir fassen nochmal zusammen was in den letzten Minuten passiert ist.
– Wir sind ineinander verliebt.
– Wir fühlen uns gegenseitig verpflichtet.
– Wir wollen mit niemandem sonst zusammen sein.
– Wir sind super glücklich damit.

„Eigentlich genau so wie in einer Beziehung.“ Sag ich ohne Hintergedanken. „Möchtest du es wirklich schon deckeln?“ Schreibt er mir mit einem Herzaugen-Smiley. Ich sage ihm, dass es mir egal ist, weil es mir auch genügt so wie es sich für mich anfühlt, bzw. er mir dieses Gefühl gibt. „Dann lass uns warten bis du wieder hier bist und ich dich zum Essen ausführen und dir dabei in die Augen schauen kann.“ Ein kurzes „Wäähh“ zieht durch meinen Kopf. Für mein früheres ich war das wohl zu viel Romantik. Ich muss selbst über mich lachen. Ich drücke diesen Gedanken kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln beiseite. Das was mal war ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich habe meinen Deckel gefunden.

3 Gedanken zu “Der Deckel

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